Familien in Stuttgart

Waffen in Menschenhand

von: am: 4. März 2015

Unlängst ging ein Aufschrei durch die Stuttgarter Presse, nachdem die Autogrammstunde eines Gangsta-Rappers in einem großen Stuttgarter Einkaufszentrum kurzfristig wegen Sicherheitsbedenken abgesagt wurde. Was zunächst vor allem die angereisten Fans des Heidelberger Musikers erboste. Für Kopfschütteln und mehr sorgte jedoch danach die Tatsache, dass der in der Musikszene bekannte Mann auf Fotos und in Videos mit einer Kalaschnikov im Anschlag für sich und seine Musik wirbt. Gewaltverherrlichung oder Kunst fragten die einen, „bizarr, befremdlich und ekelhaft“ bezeichneten die anderen das Auftreten. Und viele fragten sich, warum man jemandem, der sich bewusst mit gewaltverherrlichenden Auftritten in Szene setzt, in einem Einkaufszentrum, in dem sich vor allem Familien und junge Menschen aufhalten, ein Podium bietet.

Wir werden täglich mit Fotos, fiktiven Filmen und Computerspielen, doch leider auch mit realen Terror- und Kriegsberichten konfrontiert, die verstörend wirken. Gewalt als Ausdruck und/ oder gezielte Machtdemonstration bis hin zur Zerstörung von Hab und Gut, Lebewesen und Menschenleben. Fans von Computerspielen heben immer den Nervenkitzel hervor, sich in gefährlichen Situationen zu bewähren, aber auch das Ausleben und den Abbau von Aggressionen im Spiel.

Wie, frage ich mich, gehen wir Erwachsenen damit um? Ignorieren, wegschauen, resignieren oder bewusst agieren? Letztendlich werden wir mit dieser Frage nach unserer Haltung spätestens dann konfrontiert, wenn unser Nachwuchs, und hier zumeist besonders unsere Jungen, sich plötzlich mit Waffen beschäftigen. Der Finger wird zur Pistole, das Holzstück zum Gewehr, Stöcke und Äste sind Degen, Säbel oder Messer und anstelle der gewohnten Fange- oder Versteckspiele wird man aufgefordert, tot umzufallen.

Zugegeben: Der Wunsch von Kindern, mit Waffen zu spielen, verunsichert uns Eltern. Gerade weil wir Amokläufe von Schülern oder jungen Erwachsenen und andere gewalttätige Aktionen im Hinterkopf haben, sorgen wir uns, ob das Spiel mit Waffen normal ist und ob hierbei nicht ein aggressives, gewaltorientiertes Verhalten eingeübt wird.

Entsprechend spannend ist auch die Frage, ob man grundsätzlich Kriegs- oder Gewaltspielzeug, zum Beispiel an Fasching, zuhause und in Einrichtungen wie Kindergarten oder Kindertagesstätte, verbieten soll.

Die Argumente für ein Verbot sind schnell gefunden, z.B. dass

– ein Verbot keinem schadet

– diese Art Spielzeug andere Kinder erschreckt und verunsichert

– Kinder, die aus Krisengebieten stammen erneut traumatisiert werden könnten

– unsere Kinder grundsätzlich vor Gefahr, Bedrohung und Verletzung geschützt werden müssen

– Kinder in einem bestimmten Alter noch nicht zwischen Spiel und Realität unterscheiden können

– man wenig Sinnvolles mit Spielzeugwaffen lernt

und dass Kinder in einem bestimmten Alter alleine nicht beurteilen können, was gut oder schlecht für sie ist.

Argumente, die gegen ein Verbot sprechen, sind unter anderem, dass

– Verbote selten umfassend durchgesetzt werden können

– man genaue Regeln aufstellen muss, was alles als Spielzeugwaffe gilt. Was geschieht z.B. wenn Kinder aus Naturmaterialien Waffen bauen oder mit dem Zeigefinger auf andere zielen?

– dieses Spiel zur normalen kindlichen Entwicklung gehört

– man die Bedürfnisse der Kinder ernst nehmen soll

– man beim Beobachten von Rollenspielen etwas über die Ängste und Phantasien der Kinder erfahren kann

– Verbote das Spielzeug erst recht interessant machen

– Kinder trotz Verbot fasziniert sind, man aber darüber nicht mehr spricht

– und dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass man durch das Zulassen solcher Spielzeugwaffen, die Gewalttätigkeit fördert.

Verschiedene Möglichkeiten zum Umgang mit Spielzeugwaffen bieten sich z.B. an Fasching an. Mit einem gemeinsam ausgewählten Thema kann sich eine Kindergartengruppe in einen Dschungel, Märchenwald oder Zoo verwandeln. Gemeinsam wird überlegt, was man für seine Figur oder Rolle braucht und wie man sich dazu verkleiden kann. Oder aber die Spielzeugwaffen werden zuhause gelassen, sind ohne Munition, oder werden gemeinsam betrachtet und dann in der Garderobe abgelegt.

Günther Gugel, der Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen wirbt in seinem Artikel „Peng, du bist tot! Wenn Kinder mit Spielzeugwaffen spielen“ für mehr Gelassenheit. Er führt auf, dass der Spaß am Spiel mit Spielzeugwaffen ein ganz normaler Entwicklungsschritt ist. Die Faszination von Spielzeugwaffen liegt darin, dass Kinder sich schlagartig stark und unverwundbar fühlen und alles unter Kontrolle haben – auch dann wenn sie sich im Grunde ohnmächtig und anderen gegenüber unterlegen fühlen. Diese Macht und Stärke spricht deshalb oft gerade Jungen an, wenn sich diese mit dem traditionellen männlichen Rollenbild auseinandersetzen oder das Bedürfnis haben, im Rollenspiel problematische Alltagserfahrungen zu verarbeiten. Darum rät Friedensexperte Gugel von einem Verbot von Spielzeugwaffen ab und plädiert dafür, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben und auf ihre verborgenen Ängste und Spannungen einzugehen.

Es ist nicht einfach, eine klare Position bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zu finden. Auf jeden Fall sollte die Art und Weise, wie man in der Familie mit dem Thema Kriegs- und Gewaltspielzeug umgeht, für Kinder nachvollziehbar sein. Und das setzt voraus, dass man miteinander darüber spricht und verständlich erklärt, warum man für oder gegen Kriegs- oder Gewaltspielzeug ist. Sie werden feststellen, dass Grenzen und Regeln den Kindern helfen, sich zu orientieren. Dass nicht alle diesbezüglich dieselben Regeln haben, werden Ihre Kinder spätestens dann feststellen, wenn sie andere Spielkameraden besuchen oder gemeinsam mit anderen Kindern auf dem Spielplatz spielen.

Wir Erwachsenen sind Vorbild. Unsere Kinder beobachten und lernen von uns, wie wir mit Konflikten umgehen und welche Methoden und Mittel wir anwenden, um uns durchzusetzen. Wie gehen wir miteinander um, wie mit Gewalt und Ungerechtigkeit? Machen wir uns wieder bewusst: Unsere Kinder brauchen Liebe und Geborgenheit, das Bedürfnis nach Wärme und Sicherheit sollte uns in der alltäglichen Beziehungsarbeit leiten, egal ob zuhause, in der Krippe, im Kindergarten oder in der Schule.

Hinweise und Tipps… nicht nur für Eltern: „Augen auf! beim Spielzeugkauf- was Sie über Gewaltspielzeug und Gewalt in Medien wissen sollten (Broschüre vom Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.)

(Besucht: 166 Male davon 1 heute)
Zuletzt geändert am: 4. März 2015