Familien in Stuttgart

Wie kann Vereinbarkeit gelingen?

In der öffentlichen Diskussion zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Nach wie vor setzen Politiker/-innen und die Wirtschaft eine hohe Priorität auf das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies zeigt sich unter anderem beim weiteren Ausbau von Krippenplätzen und Ganztagsschulangeboten. Auf der anderen Seite werden zunehmend wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Quellen herangezogen um zu beweisen, dass die Betreuung von Kleinkindern den Mädchen und Jungen Schaden zufüge. Der Vorwurf: Die staatliche Betreuung diene nur den Interessen der Wirtschaft, die möglichst schnell über die Arbeitskraft der jungen Mütter verfügen möchte.

Damit diese wichtige Debatte aus dem Schlachtfeld ideologischer Auseinandersetzungen herauskommt, wollen wir uns die Faktoren anschauen, unter denen Vereinbarkeit gelingen kann:

Flexibilität am Arbeitsplatz

Auch bei der besten Betreuung gilt: Es kann immer etwas dazwischen kommen, wenn man Kinder hat. Deshalb sind z.B. starre Arbeitszeiten am Beginn oder Ende des Tages manchmal schwierig einzuhalten und es hilft, wenn es hier etwas „Beinfreiheit“ gibt. Dies gilt auch für die Tage, an denen ein Kind krank ist. Und da sich das meist nicht ankündigt, braucht es auch für diese Fälle Entgegenkommen von Arbeitgeberseite.

Auffanglösungen für Notfälle

Sollte doch einmal etwas nicht zu regeln sein, brauchen Familien auch kurzfristig abrufbare Ersatzlösungen. Wenn z.B. ein Kind krank ist und nicht in eine Einrichtung gehen kann, aber ein wichtiger Termin ansteht oder der Arbeitgeber grundsätzlich nicht entgegenkommend ist. Diese Rolle übernehmen in vielen Fällen nach wie vor die Großeltern. Wenn es aber keine Großeltern gibt, diese woanders wohnen oder eine Betreuung nicht übernehmen können oder wollen, sind Familien auf ein bezahlbares System vor Ort angewiesen. Im Idealfall sieht das so aus: In einer Kommune gibt es eine Stelle, bei der kurzfristig eine zuverlässige Betreuungsperson für Notfälle angefragt werden kann. Diese kommt dann ins Haus, um sich um den kranken Nachwuchs zu kümmern.

Öffnungszeiten von Einrichtungen

Auch hier gilt: Je flexibler, desto besser. Die ständige Ausweitung der Arbeitszeiten von Beschäftigten muss sich auch in den Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen widerspiegeln. Schließung über die Mittagspause oder ein starres Ende vor 17.00 Uhr sind für Berufstätige oft schlecht zu realisieren. Dies betrifft zum Beispiel Beschäftigte im Einzelhandel aber auch Beschäftigte in Pflegeberufen oder Menschen, die viel unterwegs sind wie Piloten oder Stewardessen. Deshalb sollte über Öffnung in den Abendzeiten, KiTas mit Übernachtungsmöglichkeiten und Betreuungszeiten an den Wochenenden nachgedacht werden, die dann zumindest punktuell von den Familien in Anspruch genommen werden können.

Dazu gehört auch die Regelung der Ferienschließzeiten. Bei 30 Tagen Jahresurlaub wird es für Familien schwierig, wenn eine Kindertagesstätte 25 oder gar 30 Tage pro Jahr geschlossen hat. Damit die Mütter und Väter ihre Urlaubszeiten möglichst selbstbestimmt planen können, sollten die Träger der KiTas möglichst wenige starre Schließtage vorsehen.

Gute Qualität in KiTas

Dieser wichtige Aspekt ist fast verloren gegangen bei der Realisierung der ehrgeizigen quantitativen Ausbauziele für die Kleinkindbetreuung: Es ist nicht nur wichtig, dass es diese Plätze gibt, sondern es muss auch darauf geachtet werden, dass dort eine Betreuung mit hoher Qualität ermöglicht wird. Dies beinhaltet die Ausbildung der Erzieher/-innen, die Größe der Gruppen, die Umsetzung pädagogischer Konzepte aber auch die Versorgung mit gesunden und möglichst frisch gekochten Lebensmitteln. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, ist vor allem eine bessere Bezahlung des Personals in Kindertagesstätten zu erreichen!

Stimmen diese Faktoren, werden die Eltern ihre Kinder mit einem guten Gefühl in die Kindertagesstätte bringen, was sich wiederum auf das Grundgefühl der Mädchen und Jungen auswirkt.

Es gibt also genügend Stellschrauben und politische Fragen, die diskutiert und geregelt werden müssen. Das zu tun erscheint uns aber sinnvoller als eine anachronistisch erscheinende Debatte darüber, ob es überhaupt gut für Kinder ist, schon in eine Einrichtung gebracht zu werden, bevor sie drei Jahre alt sind.

Der weiter steigende Bedarf an Betreuungsplätzen zeigt deutlich, dass junge Eltern auch berufstätig sein wollen. Vor allem Frauen qualifizieren sich nicht ständig besser, um dann gleich zum Beginn ihrer möglichen Karriere für mehrere Jahre auszusetzen. Und da alle Versuche gescheitert sind, die Männer mehr und länger als die berühmten zwei (!) Vätermonate in die Kindererziehung einzubeziehen, geht kaum ein Weg an einer guten Kinderbetreuung vorbei. Dass die jungen Frauen auf ihren Beruf verzichten, um sich um Kinder zu kümmern, erscheint unrealistisch. Es ist eher zu befürchten, dass sie sich bei einer alternativen Frage „Kind oder Karriere“ für zweiteres entscheiden, oder den Kinderwunsch so lange schieben, bis es zu spät ist…

Jochen Mack ist freiberuflicher PR-Berater und Vater von vier Kindern. Politisch aktiv bei den Grünen in Augsburg aber nicht Kandidat oder in einer gewählten Funktion.

 

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Zuletzt geändert am: 22. Januar 2015