Familien in Stuttgart

 

Maria Haller-Kindler ist seit Anfang des Jahres Kinderbeauftragte der Stadt Stuttgart. Wir sprachen mit ihr über ihre Aufgabe, die Herangehensweise und die Ziele, die sie sich für Ihre Tätigkeit gesetzt hat.

Frau Haller-Kindler, wie war ihr Start und was ist ihr aktueller Stand?

Der Start als Kinderbeauftragte war sehr interessant für mich. Ich konnte viele Initiativen, Expert/-innen und Einrichtungen kennenlernen, die sich in Stuttgart für Kinder und ihre Rechte einsetzen. Was mich schon sehr beeindruck hat: Die Vielfalt des Angebots in Stuttgart und das breite Engagement der Bürgerinnen und Bürger.

Ich arbeite gerade intensiv daran, eine Konzeption für ein kinderfreundliches Stuttgart aufzustellen. Den Auftakt machen wir bei einer Veranstaltung am 29. Juli in Bad Cannstatt – zu der ich Fachleute, Parteien, Elternvertreter und Mitglieder der Verwaltung eingeladen habe. Im Herbst folgt dann eine Zukunftskonferenz mit Kindern. Dann wissen wir auch, wo wir besonders für eine kinderfreundliche Stadt engagieren müssen.

 

Was macht denn eine Kinderbeauftragte überhaupt?

Ich schaue, dass die Verwaltung bei allem was sie tut, auch an die Perspektive der Kinder denkt. Das bezieht sich auf alle Fachbereiche, deshalb ist meine Stelle auch direkt beim Oberbürgermeister angesiedelt. Das ist ein wichtiges Signal an die Stadt: Die Belange der Kinder sind zentral für eine gute Entwicklung unserer Stadt. Inhaltlich geht es zum Beispiel um die Freizeitgestaltung, die Möglichkeiten der direkten Beteiligung von Mädchen und Jungen, die Stadtplanung oder auch um Schulentwicklung. Bei solchen Themen achte ich darauf, dass die Kinder gehört werden.

 

Haben Sie auch direkte Gestaltungsmöglichkeiten?

Ich kann Impulse geben und beraten, also durch inhaltliche Initiativen und Anregungen kann ich einiges bewirken. Denn es ist ja auch im Interesse der einzelnen Verwaltungseinheiten, dass Stuttgart alles dafür tut, noch familien- und kinderfreundlicher zu werden. Aus Sicht der Bürger/-innen ist die Stadt da übrigens schon auf einem guten Weg. In einer Umfrage im Jahr 1997 bewerteten 33% der Befragten die Stadt Stuttgart als familienfreundlich, im Jahre 2013 schon 55%. Eine solche Steigerung ist nur möglich, wenn sich viele anstrengen.

 

Sie haben erklärt, es gäbe schon sehr viele Angebote und Einrichtungen in Stuttgart. Können Sie dann überhaupt noch viel erreichen?

Es stimmt, Stuttgart steht schon sehr gut da und es gibt sehr unterschiedliche und sehr gute Angebote für Mädchen und Jungen. Ich will schauen, ob auch alle Kinder Zugang dazu haben und ob auch benachteiligte Kinder und Jugendliche immer so erreicht werden, wie wir uns das wünschen. Mir scheint, dass die Milieus sich immer weiter auseinander entwickeln und das hat tiefgreifende Folgen für die Mädchen und Jungen.

 

Welche zum Beispiel?

Nehmen wir die Freizeitgestaltung: Viele Familien, die es sich leisten können und dies wichtig finden, bieten ihren Kindern viele Anregungen im musischen, sportlichen oder gesellschaftlichen Bereich. Die Mädchen und Jungen werden meist von ihren Eltern auf die Angebote aufmerksam gemacht und häufig auch begleitet. Auf der anderen Seite gibt es viele Kinder, die selten die Möglichkeit haben, solche Angebote wahrzunehmen, am ehesten noch über Ganztagseinrichtungen wie Kitas oder Ganztagsschulen. Für diese Kinder sind frei zugängliche kostenlose und wohnnahe Spielmöglichkeiten wie Spiel- und Bolzplätze, aber auch Platz zum Spielen rund um die Wohnung sehr wichtig. Leider hakt es gerade bei Bolzplätzen und Spielmöglichkeiten, die nahe an Wohnungen liegen.

 

Warum?

Die Bereitschaft von Anwohnern z.B. wegen Lärmbelästigung zu klagen, hat sich zu Ungunsten von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Das hat zur Folge, dass es immer schwieriger wird, die bestehenden Flächen zu erhalten oder zu vergrößern. Damit entfallen vor allem für viele ältere Kinder die Möglichkeiten, einfach so Sport zu treiben. Das ist sehr bedauerlich und wird auch von den Mädchen und Jungen als Verlust gesehen. Wir wissen, dass sich sehr viele Kinder mehr Bolzplätze wünschen. Das ist in vielen Kommunen so. Daher müssen wir hier Druck auf die Bundespolitik machen.

 

Das hört sich eher nach harter politischer Auseinandersetzung an. Welche inhaltlichen Themen fänden Sie noch interessant?

Oh, da gibt es viele. Vor kurzem war ich beim Projekt „Der Stuttgarter Norden dreht sich“ – eine Kooperation des Staatstheaters mit Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. Das hat mich begeistert, denn dank dieses kulturellen Projekts kommen Kinder und Jugendliche zusammen, die sonst kaum zueinander gefunden hätten.

Spannend finde ich auch „urban gardening“,also dem gemeinschaftlichen Gärtnern in der Stadt. Es wäre toll, wenn auch Kinder von solchen Initiativen profitieren könnten, denn gerade in einer dicht bebauten Stadt wie Stuttgart ist es wichtig, dass der Bezug von Mädchen und Jungen zur Natur gefördert wird.

 

Zur Person: Maria Haller-Kindler hat Pädagogik, Politikwissenschaft und Religionspädagogik studiert und lebt mit ihrer Familie (zwei Kinder) in Fellbach. Vor ihrer Tätigkeit als Kinderbeauftragte arbeitete sie in der Hauptabteilung Caritas sowie in der Leitung des Bischöflichen Jugendamts und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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Jochen Mack ist freiberuflicher PR-Berater und Vater von vier Kindern. Politisch aktiv bei den Grünen in Augsburg aber nicht Kandidat oder in einer gewählten Funktion.
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Zuletzt geändert am: 24. Juli 2014