Familien in Stuttgart

Nicht an allen Abenden, so erinnere ich mich, aber an vielen, gab es bei uns zuhause zum Schlafengehen eine Geschichte.

Die meisten Märchen, an die ich mich erinnere, wurden mir vorgelesen.

Ich sehe immer noch die Einbände der Bücher vor mir: Hauffs Märchen waren in einem Buch mit grünem Einband, Andersens Märchen in einem mit grauem Buchdeckel und einem purpurfarbenen Rücken. Grimms Märchen? – Das weiß ich nicht mehr.

Ich liebte den Kleinen Muck, den musste meine Mutter immer wieder vorlesen, und ich liebte Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern und die Meerjungfrau (noch bevor sie Arielle hieß). Meine Mutter las die Geschichten so oft, dass ich sie auswendig konnte.

In der Erinnerung ist es ein kleiner Ausschnitt, so, als wäre ein Lichtstrahl darauf gerichtet: ein Kind an eine Mutter gekuschelt, ihre Stimme, ein Kissen, das das Kind umschließt. Ich war drei oder vier Jahre alt.

Es geht nicht mir alleine so! Es muss auch nicht unbedingt die Abend-Zu-Bett-Geh-Vorlesestunde sein, oder das Bett als Ort – es ist das Vorlesen und die Stimmung, die entsteht, wenn Geschichten erzählt werden.

Als es noch kein Fernsehen gab, kein Radio, ja selbst keine Bücher, saßen die Menschen zusammen – vielleicht um ein Feuer – oder um einen wärmenden Ofen herum oder bei einem Essen. Die Alten erzählten aus ihrem Leben, aus dem Leben anderer, wahre Geschichten, Geschichten, die einmal so geschehen waren, die aber im Laufe der Generationen eine höhere Wahrheit zu transportieren auserwählt worden waren. Die Älteren erzählten, die Jüngeren lauschten – das war die Tradition im Sinne von „Weitergeben“.

Um erzählen zu können brauchten die Erzähler ein gutes Gedächtnis. Denn sie erzählten die Geschichten immer und immer wieder im gleichen Wortlaut.

Die Erzählungen dienten nicht nur der Unterhaltung an langen und dunklen Winterabenden. Mit ihnen wurden in oft scherzhafter Weise Weltbilder, Werte und Verhaltensweisen im Zusammenleben mit der Natur und zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft vermittelt.

Das gab allen, vor allem Jüngeren, eine notwendige und wichtige Orientierung.

Später, als die Bücher kamen, erübrigte sich das Zusammensitzen in großer Gemeinschaft. Jeder, der des Lesens kundig wurde, konnte sich mit einem Buch zurückziehen und alleine in die andere Welt eintauchen. Das Buch, die geschriebene Schrift, das entstehende Verlagswesen ermöglichten – ich kürze das ab – unsere Art von Individualisierung.

Auch ich, nachdem ich lesen gelernt hatte, habe mir nie wieder vorlesen lassen – wieviel schöner und freier war es doch, mich mit einem Buch in irgendeine Ecke zurückzuziehen und selbst darüber zu bestimmen, wann ich in eine andere Welt eintauchen, wann ich lernen wollte, und vor allem, welche Dinge ich an mich heranließ.

Was allerdings geschah, und das ergab sich aus einem Nachteil (ich hatte keine Neigung zum Stricken, Nähen oder Häkeln), war, dass ich zur Vorleserin wurde. Während die anderen handarbeiteten, las ich ihnen aus den Jugendbüchern vor.

Pater Brown fällt mir ein, oder Sherlock Holmes oder ein Detektiv namens Nick oder so.

Die Mädchen strickten oder stickten, und ich las vor.

Dabei geschah etwas ziemlich Einfaches: indem wir zusammen saßen und dieser Geschichte lauschten, teilten wir etwas Gemeinsames.

Es war wieder wie früher, als die Menschen rund um das Feuer saßen und den Erzählungen zuhörten.

Das heutige Geschrei, man müsse Kinder wieder an die Bücher bringen, oder überhaupt erst einmal an Bücher heran, ist mir zu intellektuell und geht mir nicht tief genug.

Die Kinder sollen fit gemacht werden für das Bildungsfest, das in einem Leistungswahnsinn, in dem nichts weniger gefragt ist als Individualität, gipfelt.

Es geht weder um die Kinder noch um um die Bücher.

Worum es gehen sollte, ist das Lesen, und das fängt mit dem Vorlesen an.

Nähe, Zuwendung, das Empfinden von Zugehörigkeit, das Finden von Vorbildern, persönlichen wie auch denen der Gemeinschaft, deren Geschichten man lauscht.

Schenkt man Kindern nur Bücher und überlässt sie damit sich selbst, macht man sie einsam, bevor sie in einer Gemeinschaft aufgefangen sind.

Das Vorlesen gibt ihnen ein Kapital mit, von dem sie noch als Erwachsene zehren werden – und selbst wenn sie später erkennen, dass sie nach diesen Werten nicht leben wollen – dann ist das eine Ausgangsbasis.

Ob die vorgelesenen Geschichten nun aus einem Buch oder einem Tablet-PC vorgelesen werden, ist letztlich zweitrangig (sagt eine ehemalige Verlegerin von Kinderbüchern), wichtig ist für Kinder, dass die vorlesende Person ihnen zugewandt ist.

Und wichtig ist, dass die Geschichten dem Kind entsprechen. Und noch wichtiger ist, dass Sie Ihrem Kind körperlich nah sind.

Karin Afshar promovierte Mutter, Linguistin von zwei Kindern, wohnhaft in Frankfurt. Den Verlag, den sie 10 Jahre lang aufgebaut und geführt hat, gibt es nicht mehr. Dafür hat jetzt wieder mehr Zeit für ihre drei großen L: die deutsche Sprache, das Schreiben und Phantasieren und das Weltverstehen.
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Zuletzt geändert am: 27. Mai 2014