Familien in Stuttgart

Wir stehen kurz vor der Karwoche und Ostern. Ist vor allem das Geschehen des Karfreitags nicht verstörend für Kinder?
Der Karfreitag ist wirklich verstörend. Brutale Gewalt gegenüber anderen ist auch für mich als Erwachsenen verstörend. Wenn ich in den Nachrichten sehe, wie Menschen miteinander umgehen, dann bleibe ich häufig ratlos zurück. Und so sehr ich mir Frieden wünsche, es ist eine Realität, dass Menschen andere wegen ihrer Meinung, Hautfarbe, Rasse oder ihres Geschlechts verfolgen und sogar töten. Gleichzeitig erlebe ich aber auch, dass Menschen mit Opfern von Gewalt solidarisch sind und sich an sie erinnern, wie z.B. in den letzten Jahren bei Schweigeminuten zu Terroranschlägen.
Der Karfreitag ist ein Erinnerungstag. An ihm erinnern sich Christinnen und Christen, dass es Jesus ähnlich erging. Auch er musste sterben, weil er sich nicht von dem distanzierte, was er gesagt oder getan hat. Der Karfreitag ist ein Tag, an dem Christinnen und Christen sich bewusst auch dieser dunklen Seite menschlichen Lebens stellen. Sie sich ganz bewusst vor Augen führen, dass es zerstörerische Gewalt und Hass gibt und wie sehr sie das Leben verdunkeln. Das sind dann die Momente, in denen man sich auch von Gott verlassen fühlt, obwohl Gott noch da ist. Der Karfreitag soll uns das spüren lassen.
Wir neigen häufig dazu, dass wir solche Themen aussparen und mit unseren Kindern nicht diskutieren. Wir wollen sie davor „schützen“. Dabei habe ich sowohl als Vater als auch als Lehrer erlebt, dass diese Themen Kindern nicht fremd sind. Sie wissen aus eigener Erfahrung oder aus den Medien, dass Menschen sich gegenseitig wehtun können. Dass es Hass und Streit gibt und dass Menschen sich gegenseitig verletzen. Das kann ich, wenn ich mit Kindern über den Karfreitag spreche, aufgreifen und ansprechen. Als Elternteil muss ich natürlich ein Gespür dafür haben, dass ich die Kinder nicht mit allen Formen von Gewalt überschütte. Die Kinder sollen verstehen, sich für Frieden und Gerechtigkeit der Opfer einzusetzen. Sie sollen aber keine Angst vor dem Leben bekommen.

Ostern ist ja auch für viele Erwachsene nur sehr schwer zu greifen. Wie kann man das Kindern vermitteln?
Das Osterfest finde ich, bietet einen guten Anlass mit den eigenen Kindern ins Gespräch zu kommen. Für mich stellt das Osterfest die zentrale Frage, wie wir die Welt verstehen und wie es mit uns nach dem Tod weitergeht. Christinnen und Christen glauben, dass Gott hier und jetzt bei jedem Menschen ist. Diese Beziehung bleibt auch, wenn wir gestorben sind. Das menschliche Leben endet nicht mit dem Tod. So wie die Geburt, ist auch der Tod nur ein „Übergang“. Gott holt uns in seine Nähe. Das meinen Christen auch, wenn sie von „ins Paradies“ oder den „Himmel kommen“ sprechen; ganz nah bei Gott zu sein. Dies feiern Christinnen und Christen an Ostern. Gott hat den gestorbenen Jesus auferweckt. Es ist nach dem brutalen Tod von Karfreitag positiv weitergegangen. Christinnen und Christen glauben, dass nicht nur Jesus, sondern alle Menschen nach ihrem Tod auferweckt werden. Daran erinnern sie sich und das feiern Christinnen und Christen an Ostern.
Ich finde es immer wieder bereichernd, wenn ich mit meinen Kindern über solche Fragen ins Gespräch komme. Denn Kinder haben dazu schon ihre eigenen Vorstellungen und haben Spaß daran mit ihren Eltern über solche Fragen zu philosophieren oder zu theologisieren.

Was sollten Eltern tun, die selber gar nichts mit Religion anfangen können, aber von Kindern zu religiösen Inhalten befragt werden?
Ich würde Eltern sagen, „seien Sie authentisch.“ Eltern müssen den Kindern nicht sagen, dass sie etwas glauben, wenn sie es nicht tun. Aber auch wenn sie mit Ostern nichts anfangen können, können sie trotzdem ihren Kindern sachlich ohne Bewertung erklären, was Christinnen und Christen an Ostern feiern. Das gehört ein stückweit auch zum gesellschaftlichen und kulturellen Basiswissen. Kinder brauchen solch ein Wissen rund um Feste und Bräuche, um sich in dieser Gesellschaft und Kultur orientieren zu können.

Jetzt im Lutherjahr: Wie kann man einer 7-Jährigen erklären, was der Unterschied zwischen katholisch und evangelisch ist?
Menschen haben sich immer schon Gedanken gemacht, wie der Glaube zu verstehen ist. Dabei kam es immer wieder zu unterschiedlichen Ansichten und Meinungen. Martin Luther und seine Anhänger hatten andere Ansichten unter anderem zur Frage der Auslegung der Bibel, der Sakramente, der Gegenwart Jesu Christi in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein, der Feier des Gottesdienstes und der Rolle des Priesters. Weil sich diese Meinungsverschiedenheiten nicht beilegen ließen, kam es zur Reformation, also der Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert. Einige dieser Meinungsverschiedenheiten sind bis heute noch nicht beendet.
Viele Kinder erleben die „Spaltung“ zu Hause hautnah. Z.B., wenn die Eltern jeweils einer anderen Konfession angehören und sie jeweils mit einem der Elternteile in „deren“ Kirche waren. Es ist schwer, Kindern die tieferliegenden theologischen Auseinandersetzungen, die zur Spaltung geführt haben, verständlich zu machen. Manchen Erwachsenen sind diese auch nicht immer verständlich. Kinder können aber erkennen, dass es bei den Konfessionen Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt. Beide Konfessionen glauben an Jesus Christus und feiern z.B. Weihnachten oder Ostern. Gleichzeitig drückt sich dieser Glaube in der Gestaltung des Alltags und Glaubens unterschiedlich aus. So gibt es bei den evangelischen Christinnen und Christen die Konfirmation, während es bei den katholischen Christinnen und Christen die Erstkommunion und die Firmung gibt. Auch die Kirchenräume sind unterschiedlich gestaltet. So etwas lässt sich mit Kindern gut wahrnehmen und deutlich machen, dass auch der Glaube an Jesus unterschiedlich gelebt werden kann.
Wichtig ist mir aber, dass Kinder verstehen sollen, dass verschiedene Glaubensauffassungen nicht zu Abgrenzung führen. Denn trotz dieser unterschiedlichen Glaubensauffassungen setzen sich die evangelische und katholische Kirche sich gemeinsam für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ein und arbeiten gemeinsam in vielen Bereichen zusammen.

Ralf Gaus, Vater von zwei Kindern, Professor für Religionspädagogik an der KSFH München.
Bücher:
Warum müssen wir sterben? Wenn Kinder mehr wissen wollen, Freiburg i. Br. u.a. 2016 (mit A. Biesinger, E. Gaus)
Wenn Kinder nach Gott fragen. Orientierung für Eltern, Freiburg i.Br. u.a. 2013 (mit A. Biesinger, E. Gaus)
Hört Gott uns, wenn wir beten? Wenn Kinder mehr wissen wollen, Freiburg i. Br. u.a. 2009 (mit A. Biesinger, E. Gaus)

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Zuletzt geändert am: 8. April 2017