Familien in Stuttgart

Hildegardisheim

von: am: 15. April 2015

 

Als ich vor einiger Zeit ein Schild vor dem Hauseingang der Olgastr. 62 im Stuttgarter Zentrum aufstellte, mit dem ich auf eine Veranstaltung in dem Gebäude hinweisen wollte, sprach mich ein älterer Herr an. Er wohne schon seit vielen Jahren im Zentrum und würde täglich an dem großen Gebäude vorbeikommen und sich fragen, was es dort alles gäbe. Denn er sehe sowohl junge Frauen, Kinder, einzelne Personen und Familien ein- und ausgehen. Als ich den rüstigen Rentner einlud, mit mir in das Gebäude zu gehen, um ihm direkt zu zeigen, was es mit dem Hildegardisheim (so heißt der große Gebäudekomplex) auf sich hat, folgte er mir neugierig. Nach der kurzen Besichtigung von zwei Gruppenräumen der Kindertagesstätte und des Hinterhofs war das Erstaunen groß, als ich dem interessierten Herrn in einem kleinen Café, das für die Bewohnerinnen des Gebäudes und die BesucherInnen des Kinder- und Familienzentrums Wilde Hilde eingerichtet wurde, etwas zum Träger der katholischen Einrichtung und vor allem zu den Angeboten im Hildegardisheim erzählte. Er meinte: „Was hier geleistet wird und auch früher geleistet wurde ist unbezahlbar. Das sollten Sie unbedingt einem größeren Personenkreis zugänglich machen, das ist doch auch ein Stück Stadtgeschichte“. Angeregt von diesem Gespräch suchte ich im Archiv von IN VIA Verband katholischer Mädchen- und Frauensozialarbeit Diözese Rottenburg Stuttgart e.V., dem Träger des Hildegardisheims, nach Informationen zu Fragen, die ich dem Gast nicht beantworten konnte.
Jungen Mädchen und Frauen helfen
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts engagierten sich am Stuttgarter Bahnhof Frauen der evangelischen und katholischen Kirche, um die vielen jungen Mädchen und Frauen zu unterstützen, die allein aus dem ländlichen Raum angereist waren – sie entflohen der Armut und suchten nach Arbeit in der Großstadt. Dies war der Beginn der Stuttgarter Bahnhofsmission, die bis zum heutigen Tag ökumenisch geführt wird.
Im Jahre 1909 wurde schließlich ein katholischer Verband mit Sitz in Stuttgart mit dem Ziel des Mädchenschutzes in der Diözese gegründet, um junge Mädchen und Frauen mit Beratung und Hilfen zu schützen und zu unterstützen. Stuttgart stand da bei weitem nicht alleine da: weltweit entstanden in dieser Zeit in insgesamt 33 Ländern ähnliche Vereine. Von Anfang an war die Bahnhofsmission ein wichtiger sozialer Dienst des „Katholischen Mädchenschutzvereins“. Darüber hinaus wurden sogenannte Kontakt- oder Vertrauensstellen auf dem Land und in kleineren Orten eingerichtet, um die jungen Frauen auf das Arbeitsleben in der Stadt und mögliche Gefahren vorzubereiten. In Stuttgart war für Beratung und Stellenvermittlung, zum Beispiel in Haushalten sowie für Informationen rund um die Wohnungssuche die Geschäftsstelle des Vereins in der Katharinenstr. 4 zuständig.

Kriegsleiden und Zerstörung
Im Zuge des 1. und 2. Weltkriegs stellte sich der „Katholische Mädchenschutz“ auf die sich verändernden Bedingungen und neuen Nöte der jungen Frauen ein. Phantasie und Organisationstalent waren bei der Beschaffung von Lebensmitteln (für die Versorgung von Reisen-den und Kriegsheimkehrern) und bei der Unterbringung von Arbeitssuchenden gefragt, da inzwischen die Bahn, Straßenbahn und Post zunehmend weibliches Personal einstellte. Während des Dritten Reiches wurde die Mädchenschutzarbeit massiv eingeschränkt. 1935 verbot man die Stellenvermittlung. Die Bahnhofsmissionen wurden bei ihrer Arbeit gegängelt und behindert, bis der Verein die Arbeit schließlich 1939 komplett eingestellten musste. Trotzdem arbeitete man im Stillen weiter und unterstütze vor allem ortsfremde und zugereiste junge Frauen mit Hausbesuchen. Die Geschäftsstelle, die sich inzwischen in der Falkertstraße befand, wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört, wobei die Geschäftsführerin, die seit der Gründung des Vereins tätig war, ums Leben kam.

Wiederaufbau und Einzug in die Olgastraße
Im Sommer 1945 begann mit der neuen ehrenamtlichen Vorsitzenden, Charlotte Armbruster, in Stuttgart eine neue Ära des Mädchenschutzvereins. Von 1914 bis 1942 hatte Frau Armbruster als Fürsorgerin bei der Stadt Stuttgart gearbeitet. 1919 war sie als erste Frau in den Stuttgarter Stadtrat gewählt worden und war dort mit Unterbrechung (von 1933 bis 1946) bis 1959 aktiv. In der Nachkriegszeit baute sie, gemeinsam mit einer neuen Geschäftsführerin die verschiedenen Aufgabengebiete des Verbandes wieder auf, unter anderem auch die katholische Bahnhofsmission in Württemberg. Nicht nur Flüchtlinge, Heimkehrer und Obdachlose suchten nach Übernachtungsmöglichkeiten in Stuttgart, auch viele alleinstehende junge Mädchen waren von Wohnungsnot und Armut betroffen. 1947 stellte die Stadt Stuttgart Charlotte Armbruster ein Ruinengrundstück in der Olgastraße für die Jugendarbeit zur Verfügung. Trotz großem Geldmangel und fehlendem Baumaterial gelang es der engagierten Stadträtin, bis 1949 ein kleines zweistöckiges Heim mit 45 Wohnheimplätzen aufzubauen – das Gebäude wurde im selben Jahr als Hildegardisheim feierlich eingeweiht. Neben der Geschäftsstelle fanden hier 30 junge Mädchen, 7 Rentnerinnen und 8 Berufstätige eine Bleibe. Unermüdlich, klug und mit viel Herzblut setzte sich Charlotte Armbruster für ihr „Lebenswerk“, das Hildegardisheim ein.

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Erste Kita im Hildegardisheim
In der Nachkriegszeit suchten junge Mütter, deren Männer im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren, in Stuttgart verzweifelt nach Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kin-der. Damit sie arbeiten und Geld verdienen konnten, wurde in einem Stallgebäude auf dem Gelände des Hildegardisheims eine Tageseinrichtung für 95 Vorschulkinder geschaffen. Kaum war das Gebäude bezogen, zeigte es sich, dass es weiterhin an Wohnheimplätzen mangelte. In den Folgejahren konnte der Verein, der sich inzwischen „Katholischer Mädchenschutzverband der Diözese Rottenburg“ nannte, in unmittelbarer Nähe zwei Grundstücke erwerben.
Ausbaujahre
Das Hildegardisheim wurde mit großer Kraftanstrengung weiter ausgebaut . 1956 wurde das Gebäude mit seiner heutigen Größe fertiggestellt und war, ohne dass man es so nannte, eines der ersten Mehrgenerationenhäuser in Stuttgart. Denn das Hildegardisheim bot 170 Mädchen einen Wohnheimplatz, beherbergte einen Kindergarten für die Kirchengemeinde St. Eberhard mit 50 Plätzen, ein Kindertagheim mit Schülerhort für 100 Kinder und ein Altenheim für 30 invalide Hausgehilfinnen und pensionierte Berufstätige.
Vieles hat sich seit 1956 im Hildegardisheim getan, der Wandel der Zeit macht sich bemerk-bar: die Verwaltung des Trägers wurde ausgebaut und teilweise ausgelagert, neue soziale Fachdienste kamen hinzu, manche Angebote wie z.B. das Altenwohnheim mussten in den 1980er Jahren aufgegeben werden, die Zahl an Mädchenwohnheimplätzen wurde den ver-änderten Bedürfnissen angepasst und auf 110 gekürzt. Die hauseigene Küche musste Ende letzten Jahres schweren Herzens geschlossen werden. Die Kindertagesstätte „Wilde Hilde“ heißt nun „Kinder- und Familienzentrum Wilde Hilde“ und bietet heute im Hildegardisheim und an einem weiteren Standort in der Olgastraße 120a insgesamt 60 Krippenplätze für Kinder unter 3 Jahren sowie für über 100 Kindern im Alter von 3 bis 14 Jahren einen Kindergarten, altersgemischte Gruppen und einen Schülerhort an – der Verband nennt sich inzwischen „IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Diözese Rottenburg- Stuttgart e.V.“
IN VIA heißt „auf dem Weg“. Auf dem Weg sein ins Leben, in Beruf und Gesellschaft, in eine neue Heimat, mit und für Mädchen und junge Frauen – aber nicht ausschließlich. Geblieben ist über die gesamte Zeit seit der Gründung des Verbandes die Ausrichtung der sozialen Arbeit an christlichen Werten mit dem Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe und zur Solidarität, die Einsatzbereitschaft vieler haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der engagierte Einsatz des Vorstandes, Verbandsrates und der Geschäftsführung, leider aber auch das Angewiesensein auf finanzielle Unterstützung in Form von Spenden und Zuschüssen von Kommune, Land und Kirche.

ausbau hh-ausschnitt   1956  neuer Kindergarten 1956 Ausschnitt

Ein Überblick über die Arbeit bei IN VIA und im Hildegardisheim sowie der Kontakt für Spendenwillige findet sich auf der Homepage: www.invia-drs.de

 

 

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Zuletzt geändert am: 17. April 2015