Familien in Stuttgart

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts zur Armutsgefährdung sind keine Überraschung. Trotz staatlicher Unterstützung haben viele Alleinerziehende ein geringes Einkommen, ein Drittel verfügt sogar über weniger als 1.100 Euro im Monat. Egal ob alleinerziehender Vater oder Mutter – unbestritten ist, dass viele Alleinerziehende großen Belastungen ausgesetzt sind, ganz besonders, wenn sie am Wohnort nicht über ein gut funktionierendes soziales Netz verfügen. Da 90% der Alleinerziehenden Frauen sind, sind besonders diese, auch was die Altersvorsorge angeht, längerfristig armutsgefährdet.

 

Persönliche Interessen, das Erwerben von Qualifikationen, Karrierechancen, flexible Arbeitszeiten, Verdienstmöglichkeiten, Erreichbarkeit und Nähe von Einrichtungen, flexible Kinderbetreuung sind für viele Single-Mamas ein Fremdwort – je nachdem, wo sie leben und welche Unterstützung sie vor Ort erfahren. Es stimmt leider: wenn eine abrupte Trennung in der Familie erfolgt, sind oftmals die Frauen die Verliererinnen. Neben finanziellen Problemen muss der Alltag, mit einem oder mehreren Kindern organisiert und bewältigt werden – und die alleinige Verantwortung in der Krisensituation ist manchmal eine schwere Bürde.

Was das im Einzelfall bedeutet, berichten drei Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten:
Frau P. lebt mit ihrem Mann und Sohn in Stuttgart. Wenige Monate nach der Geburt ihres ersten Kindes freut sie sich, dass sie wieder schwanger ist. Ihr Mann ist berufstätig, während sie sich um Sohn und Haushalt kümmert. Doch kurz nach der Entbindung des zweiten Kindes zerbricht der Traum von einem harmonischen Familienleben. Frau P. zieht die Konsequenzen und verlässt mit ihren zwei kleinen Kindern ihren Mann. Sie ist froh, dass ihre Eltern, die ebenso in Stuttgart leben, sie kurzfristig aufnehmen, damit sie zur Ruhe kommen und sich über die nächsten Schritte klar werden kann. Im Verlauf der nächsten Monate muss Vieles geklärt werden. Physisch und psychisch ist diese Zeit eine große Herausforderung. Alles alleine zu regeln ist anstrengend und Frau P. ist froh, dass ihre Eltern und ihr Bruder, sie dabei unterstützen. Viele Fragen können auch im zuständigen Beratungszentrum des Jugendamts besprochen werden, beim Ausfüllen von Anträgen wird sie in einem Kinder- und Familienzentrum unterstützt. Es ist ein Marathon an Anträgen unterschiedlichster Art. Frau P. will auf keinen Fall mehr mit ihrem Mann zusammenleben. Die Wohnungssuche für ihre kleine Familie ist die nächste Hürde. Nach langer Suche und Enttäuschungen ist eine Wohnung gefunden, doch zunächst zögert der Vermieter mit der Zusage, trotz der Zusicherung, dass die Monatsmiete regelmäßig bezahlt wird. Aktuell steht die Möblierung und der Einzug in die neue Wohnung an. Frau P. ist trotz der persönlichen Krise und der finanziellen Abhängigkeit zuversichtlich, auch dank der staatlichen Hilfen. Mit Unterstützung ihrer Familie, sagt sie, wird sie es schaffen, ihre zwei kleinen Kinder alleine groß zu ziehen. Die Scheidung ist eingereicht und sie hofft, dass ihre Kinder trotz der Trennung ihren Vater regelmäßig sehen werden.

Ganz anders sieht Frau Z., die in Berlin lebt, und auf Besuch in Stuttgart ist, ihr Single- Dasein. Sie hat den Vater ihres Kindes nicht geheiratet und genießt es, dass sie sich mit ihm darauf einigen konnte, dass sie sich gemeinsam in einer schönen Berliner Altbauwohnung um die Tochter abwechselnd kümmern. Frau Z. arbeitet in Teilzeit und kann ihre Arbeitszeit mit dem Ex-Partner abstimmen. Sie erzählt, dass sie nach den erhobenen Zahlen des statistischen Bundesamts mit ihrem aktuellen Einkommen zu dem Personenkreis der armutsgefährdeten, alleinerziehenden Frauen zählt, aber sie empfindet dies nicht so. Sie kommt mit ihrem monatlichen Budget zurecht. Ein großes Glück ist für sie, dass die Absprache mit dem Vater ihres Kindes sehr gut klappt, und dies entlastet sie sehr. Alles, egal ob Kita oder Schule, Geschäfte und Behörden ist in unmittelbarer Nähe ihrer Berliner Wohnung und gut erreichbar. Gleichzeitig schätzt sie sich glücklich, dass sie tolle Nachbarn hat, die sie im Notfall und im Alltag bei der Betreuung der Tochter unterstützen. Im Moment sind ihre Miete und die sonstigen Unterhaltskosten in Berlin relativ günstig. Frau Z. hofft darauf, dass dies so bleibt. Mit etwas Sorge beobachtet sie, dass im Wohnumfeld die Mieten immer teurer werden: „für den Moment bin ich glückliche Alleinerziehende, doch wenn wir hier aus Kostengründen wegziehen müssten, wird es bitter“.

Frau M. lebt in Scheidung. Sie ist mit ihrer Tochter bewusst aus einer schwäbischen Kleinstadt nach Stuttgart gezogen. Sie arbeitet während ihre Tochter eine Grundschule mit Ganztagesbetreuung besucht. Die finanziellen Einbußen versucht sie mit einer mehrjährigen Weiterbildung aufzufangen und gesteht, dass ihr dadurch oft die Zeit für sich selbst fehle. Der Umzug nach Stuttgart ist zwar für die Tochter gut, da sie den Vater häufig besuchen oder sehen kann, doch Frau M. hat bislang als Alleinerziehende keinen Anschluss gefunden. Ihre Versuche neue Kontakte bei Alleinerziehendentreffs zu knüpfen, hat sie aufgegeben. Als attraktive Alleinerziehende erlebt sie, dass manche Frauen auf Abstand gehen, da sie in ihr eine Konkurrentin oder Gefahr für die eigene, bestehende Partnerschaft sehen. Da sie ihrer Tochter keinen neuen Wechsel zumuten will, bleibt sie schweren Herzens in der Großstadt, wo sie jedoch keinerlei Rückhalt in Form von Familie, Freunden oder aufgeschlossenen Nachbarn hat und sich als Einzelkämpferin fühlt. Frau M. wünscht sich mehr Verständnis für ihre Situation und ihre Entscheidung, sich zu trennen. Sie hofft, dass es eines Tages kein Stigma mehr ist, wenn man sich für eine andere Lebensform entscheidet und wirbt für Toleranz und Vielfalt.

Diese drei Frauen mit ihren verschiedenen Lebensgeschichten zeigen uns, dass es eine politische wie gesellschaftliche Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die materielle Situation und ein Maß an Fürsorge, Zuwendung und Begegnung gesichert ist, damit Kinder und Erwachsene aus getrennten Familien zufrieden und glücklich aufwachsen und leben können. Es gibt noch viel zu tun!

Informationen und Tipps:
Die Stadt Stuttgart und der Arbeitskreis Alleinerziehende haben eine Broschüre für Alleinerziehende mit dem Titel „So geht´s weiter“ herausgegeben, die im Rathaus ausliegt.

www.vamv.de (Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V.)
www.die-alleinerziehenden.de (interaktives Portal für Alleinerziehende)
www.familien-wegweiser.de (Informationsportal des BMBFSFJ, Fragen rund um die Familie nach Stichworten sortiert)
www.ag-familie.de (Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen e.V.)
www.bmas.de (Bundesministerium für Arbeit und Soziales)
www.bmfsfj.de (Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend)
www.bundesforum-maenner.de (Interessenverband für Männer, Jungen und Väter)
www.bzga.de (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)
www.finanztip.de (Online-Magazin zu Geld und Recht)
www.frauenhauskoordinierung.de (bundesweite Adressen von Frauenhäusern)
www.frauenrat.de (Vereinigung von bundesweit aktiven Frauenverbänden und -organisationen)
www.nakos.de (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und
Unterstützung von Selbsthilfegruppen)
www.unterstuetzung-die-ankommt.de (Bundesarbeitsgemeinschaft der Jugendämter)

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Zuletzt geändert am: 5. November 2014