Familien in Stuttgart

„Die Gutscheinisierung ist eine große Gefahr. Sie verbreitet sich in bedenklichem Ausmaß, viele Kinder sind schon betroffen – die Folgen sind nicht absehbar. Es ist wichtig, dass sie jetzt gestoppt wird. Sofort!“ So müssten eigentlich Parolen von Kinderrechtsorganisationen lauten, denn Kindern wird ein Stück Lebensqualität genommen.
Das Phänomen kann so beschrieben werden: Mädchen und vor allem Jungen wünschen sich auch gerne schon zu ihrem achten Geburtstag „Gutscheine oder Geld“. Und das Ergebnis: Ein neunjähriger bekommt von seinen Freunden neun Briefumschläge, in denen Geldscheine oder Gutscheine für Downloads oder Musikgeschäfte sind.
Das hat verschiedene Folgen: Zum einen ist das Ritual des Öffnens der Geschenke völlig witzlos. Der einzige Unterschied zwischen den Geschenken ist die Höhe des Betrags, aus dem entweder abgelesen werden kann, wie großzügig oder wie vermögend die andere Familie ist. Beides muss in dem Rahmen nicht unbedingt dokumentiert werden.
Zum anderen fällt aber auch viel weg, was vor dem Geburtstag passiert ist. Die Eltern haben sich vor der Gutscheinisierung miteinander unterhalten, ob es spezielle Wünsche gibt oder was das andere Kind besonders mag. Manche Eltern waren gar kreativ und haben sich überlegt, was zum Geburtstagskind passen könnte. Und haben manchmal den Geschmack getroffen, manchmal auch nicht.
Und auch damit sind wichtige Erfahrungen verbunden. Die Freude, wenn man etwas geschenkt bekommen hat, womit man nicht gerechnet hat. Die Überraschung, etwas zu bekommen, was man gar nicht kennt – und jetzt kennenlernen wird. Und ja – auch die Enttäuschung, wenn man mit einem Spiel oder Buch beschenkt wird, auf das man nun so gar keine Lust hat.

Mit anderen Worten – und man muss es heute leider laut sagen: Geschenke sind normalerweise mit Emotionen verbunden. Und das kann mit dem Austausch von Geldscheinen nicht erreicht werden, außer die Summe ist astronomisch hoch. Und sie zeigen etwas über die einzelnen Personen, also die Schenkenden und die Beschenkten sowie deren Beziehung. Dies alles wird Kindern durch die nivellierende Un-Kultur der Gutscheinverteilung genommen.

Außerdem trägt ein solches Schenkverhalten zu einer Egozentrierung bei. Denn nicht mehr die anderen überlegen, was mir Spaß machen könnte, sondern der oder die Beschenkte trifft selber die Auswahl und setzt die Gutscheine so ein, wie er oder sie es möchte. Überraschungen ausgeschlossen. Auch Irritationen. Wäre aber beides wichtig.

Schließlich hat die Gutscheinisierung noch einen ökonomischen Mundgeruch. Ungezählte schon bezahlte Millionenwerte fristen ihr Dasein in deutschen Kinderzimmern und werden zu einem viel zu großen Teil nie eingelöst. Das ist mehr als ein kleiner Nebenverdienst, meist von großen Konzernen wie apple, amazon und diversen Drogeriemarktketten. Hin und wieder wohl auch beim Einzel- oder Buchhändler vor Ort.

Deshalb mein Appell an euch Eltern: Verweigert euch dieser seelenlosen Kommerzialisierung von Geburtstagsfeiern. Überlegt euch lieber eine Kleinigkeit, die ihr den Geburtstagskindern schenken könnt. Und wenn euer Kind an der Reihe ist: Lasst euch was einfallen. Jedes Kind hat noch ein paar Wünsche, die andere Eltern erfüllen können. Auch wenn es zugegebenermaßen mehr Zeit und mehr Gedanken kostet. Aber genau das macht Geschenke wertvoll und schön!

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Zuletzt geändert am: 14. November 2016