Familien in Stuttgart

Fluchtpunkt Stuttgart

von: am: 8. Juni 2015

Keine Woche vergeht, ohne dass ich in einem Zeitungsartikel oder einer Nachrichtensendung mit dem Thema “Flüchtlinge” konfrontiert werde. Beeindruckt hat mich vor kurzem die Information, dass z.B. 1/3 der Bevölkerung im Libanon Flüchtlinge sind und das diese trotz aller Probleme willkommen sind und ein friedliches Miteinander möglich ist. Im Vergleich dazu liegt bei uns in Deutschland der Anteil der Flüchtlinge, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, bei unter einem Prozent!

Ein Schicksal von Vielen:

Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat in Syrien, im Irak und Iran und in Afrika Schlimmes erlebt. Es herrscht Krieg, sie wurden wegen ihrer religiösen oder politischen Gesinnung bedroht, verfolgt und traumatisiert, haben alles zurücklassen müssen oder auf der Flucht verloren. Das Schicksal einer Familie, die aus dem Irak stammt, und inzwischen in Stuttgart lebt, möchte ich als Beispiel herausgreifen. Die 6-köpfige Familie S. lebte bis vor drei Jahren im Irak. Als Angehörige einer religiösen Minderheit (Jesiden), die vor allem dem Terror muslimischer Extremisten ausgesetzt war, sah die Familie 2012 keine Möglichkeit mehr, friedlich und frei im Irak zu leben. So beschlossen die Eltern, dass sie gemeinsam mit ihren vier Kindern über die Türkei fliehen. Das älteste Kind war damals 12, das jüngste 2 ½ Jahre alt. Die Flucht in die Türkei gelang, doch der Aufenthalt war illegal. Dort lebte die Familie sechs Monate auf engstem Raum zusammen. Um nicht entdeckt zu werden, durften die Kinder tagsüber nicht laut sprechen. Zu groß war die Angst, entdeckt und von der Polizei aufgegriffen zu werden. Schließlich gelang die Ausreise nach Deutschland und die Familie kam zunächst nach Heidelberg, wo sie fast zwei Jahre lebte. 2014 fand sie in Stuttgart eine neue Bleibe und zog in eine Wohnung. Der Vater, ein gelernter Ingenieur, fand bislang keine adäquate Arbeit, da seine Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird. Er hofft, dass er irgendwann seinen Aushilfsjob aufgeben und wieder als Ingenieur arbeiten kann. Während die älteren Kinder in Stuttgart gleich die Schule besuchen und ihr Deutsch weiter verbessern konnten, blieb das jüngste Kind, ein Mädchen, zunächst stumm – eine traumatische Blockade resultierend aus dem Sprachverbot während des illegalen Türkeiaufenthalts hatte dem Kind buchstäblich die Sprache verschlagen. Das änderte sich auch nicht, als sie in Stuttgart in einer Kindertagesstätte aufgenommen wurde. M. spielte und nahm am Kindergartenalltag ohne Worte teil. Erst viele Wochen später erzählten die Eltern von ihrem Leben im Irak und der monatelangen Flucht. Die ganze Familie ist dankbar, dass sie dem Terror und der Zerstörung entfliehen konnte und sich in Deutschland eine neue Zukunft aufbauen kann. Doch es dauert sicherlich noch einige Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Nun besucht das jüngste Kind die Grundschule. Dank einer Therapie spricht das Mädchen inzwischen, ist aber immer noch sehr schüchtern und zurückhaltend.

Kinder, Jugendliche und Familien auf der Flucht- es gibt noch viele ähnliche Geschichten, von traumatisierten Kindern und Erwachsenen, die nach Stuttgart gekommen sind und unter den unterschiedlichsten Bedrohungen gelitten haben, von Müttern und Vätern, die bis heute an den Spätfolgen ihrer durchlebten Schicksale leiden. Aktuell kommen auch unbegleitete Minderjährige nach Stuttgart, die eine ganz besondere Betreuung benötigen.

Wie kommen die Flüchtlinge überhaupt nach Stuttgart?

Stuttgart muss derzeit bis zu 300 geflüchtete Personen im Monat aufnehmen. Im Moment leben 3285 Asylsuchende (Stand 19.05.2015) in 72 Unterkünften in verschiedenen Stadtteilen. Dass die Landeshauptstadt händeringend Übergangsquartiere für die Flüchtlinge sucht und dabei Notquartiere in Turn- und Versammlungshallen oder Bürgerhäusern vermeiden will, begrüße ich. Ich kann mich nämlich noch sehr gut an die Unterbringung von Zuwanderern in Stuttgarter Turnhallen erinnern, als der Zustrom 1989 stark anstieg und die Plätze in den Übergangswohnheimen und angemieteten Hotels nicht ausreichten. Das waren damals für alle Beteiligten unhaltbare Zustände. Es freut mich auch, dass sich aktuell die meisten Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger offen und tolerant zeigen und sich viele in Arbeits- und Freundeskreisen engagieren.

Bevor die Flüchtlinge zu uns nach Stuttgart kommen, werden sie in den Landeserstaufnahmeeinrichtungen (LEA) in Karlsruhe, Meßstetten oder Ellwangen aufgenommen und registriert. Weitere neue Landesaufnahmestellen sollen in Schwäbisch Hall und Freiburg eingerichtet oder in Mannheim ausgebaut werden. In der LEA erfolgt während des Aufenthalts eine Gesundheitsüberprüfung (aber nur eine minimalmedizinische Versorgung) sowie die Antragstellung und Anhörung. Vor sechs Wochen wurde in Ellwangen in einer früheren Kaserne eine neue LEA für 1000 Asylbewerber/-innen eröffnet. Dort sind aktuell zirka 950 Flüchtlinge in 2- bis 6- Bettzimmern untergebracht. Sanitäre Anlagen stehen auf jedem Stockwerk zur Verfügung. Je ein Drittelder bislang dort aufgenommenen Flüchtlinge stammt aus einigen Balkanstaaten (besonders aus Albanien und dem Kosovo), aus Syrien und aus Nordafrika. Neben der Unterkunft erhalten die Menschen in der LEA Vollverpflegung, da es keine Möglichkeit gibt, dort selbst zu kochen. Die hilfesuchenden Familien und Einzelpersonen erhalten Sachleistungen wie Kleidung und Putzmittel je nach konkretem Bedarf und ein Taschengeld. Für die ersten drei Monate besteht ein Arbeitsverbot, Erwachsene können in Ellwangen für eine gemeinnützige Aufgabe gegen einen gesetzlichen Stundenlohn von 1,05 Euro pro Stunde arbeiten. Der Aufenthalt in der LEA dauert ca. drei Monate. Danach werden die Flüchtlinge in die bereitgestellten Gemeinschaftsunterkünfte der Land- und Stadtkreise weitergeleitet, wo sie sich weitere 24 Monate aufhalten. Für alle Asylbewerber gilt: Wer während des Aufenthalts gegen Gesetze verstößt, wird strafrechtlich angezeigt, was beim Anerkennungsverfahren berücksichtigt wird. Bei schweren Straftaten droht die Ausweisung.

Auch wenn die Zahlen der Flüchtlinge in Deutschland in Relation zu anderen Ländern niedrig ist – eine angemessene und würdige Behandlung wird eine Herausforderung bleiben. Humanität ist aber das oberste Gebot einer sozialen Gemeinschaft. Wir sind in der Pflicht, diesen Menschen zu helfen, ich möchte sagen in der Menschenpflicht – als Christen sowieso.

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Zuletzt geändert am: 11. Juli 2015