Familien in Stuttgart

Wir sehen, hören oder lesen es regelmäßig in den Medien: Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Alle Studien zu dieser Thematik belegen: Ein hohes Armutsrisiko haben Alleinerziehende, Familien mit drei und mehr Kindern sowie Familien mit Migrationshintergrund. In Stuttgart lebten 2013 laut Statistik über 54.000 Familien, in jeder fünften Familie (also in über 11.000) erzieht ein Elternteil allein, mehr als 6.000 Familien haben drei und mehr Kinder und in knapp 30 Prozent aller Familien besitzen die Eltern keine deutsche Staatsangehörigkeit. In der Summe heißt das: Über 33.000 Stuttgarter Familien sind armutsgefährdet, also mehr als die Hälfte aller Familien überhaupt!

Ein erhöhtes Armutsrisiko hat, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens erzielt – das betrifft also insbesondere Hartz IV- Empfänger, Arbeitslose und GeringverdienerInnen, deren Einkommen trotz Vollzeitjob nicht ausreicht. Das sind nüchterne Zahlen. Der Alltag der betroffenen Familien ist ein ständiger Kampf um bessere Lebensbedingungen für alle Beteiligten. Als kinderfreundliche Stadt hat Stuttgart mit der Familiencard und der Bonuscard eine Lösung gefunden, wie von Armut betroffene Familien und Alleinerziehende dennoch am kulturellen, sportlichen und sozialen Leben teilnehmen können. Bei der Familien- und Bonuscard handelt es sich um freiwillige, einkommensabhängige Leistungen der Landeshauptstadt.

Zugegeben, diese freiwillige Leistung ist eine finanzielle Entlastung für Haushalte mit geringem Einkommen. Doch ich behaupte: Nicht alle Bonuscard- und Familiencardbesitzer wissen von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und so werden sie oftmals nicht genutzt. Außerdem ist die Hürde für Menschen groß, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, wenn es um den Zugang zu Bonuscard, Wohngeld oder Kinderzuschlag und andere finanzielle Hilfen geht.

Hierzu zwei Beispiele:
Eine alleinerziehende Mutter aus Polen lebt seit vier Jahren in Stuttgart. Sie ist Studentin und arbeitet neben dem Studium, allerdings nicht regelmäßig, da sie ihr Kind am Abend nicht allein lassen kann und will. Ihr Bafög-Antrag wurde abgelehnt, ebenso ein Antrag auf Bonuscard. Der Vater ihrer Tochter zahlt Unterhalt. Außer dem Kindergeld hat sie keine weiteren Einkünfte. Als die Studentin Wohngeld beantragen möchte, erfährt sie, dass ihr Einkommen zu gering ist, sie müsste zusätzlich 200 Euro hinzuverdienen, damit sie überhaupt Wohngeld erhalten kann. Hier kommt die Plausibilitätsprüfung zum Tragen, die besagt, dass man zunächst genügend Einkommen haben muss, um seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten. Das heißt wenn das Jahreseinkommen eines Antragstellers unter dem sozialrechtlichen Bedarf liegt, wird der Antrag auf Wohngeld als unplausibel abgelehnt! Erfreulich: Ein erneuter Antrag auf eine Bonuscard war inzwischen erfolgreich, so dass dadurch zumindest die Kosten für die Betreuung der Tochter in der Kindertagesstätte deutlich reduziert werden konnten.

Schon seit vielen Jahren lebt Familie D. in Stuttgart. Herr D. arbeitet, Frau D. hat gerade, kurz vor der Geburt des zweiten Kindes, ihr Studium an der Stuttgarter Universität abgeschlossen. Die Familie sucht dringend eine größere Wohnung, doch sie kann sich bislang keine 3-Zimmerwohnung leisten. Obwohl ihre beiden Kinder in Deutschland geboren sind, erhalten Herr und Frau D. kein Kindergeld, da sie aus der Mongolei stammen und den für den Bezug von Kindergeld nötigen Aufenthaltstitel nicht besitzen. Die besonderen Regelungen nach dem Bundeskindergeldgesetz besagen jedoch: Keinen Kindergeldantrag können Ausländer stellen, die eine Aufenthaltserlaubnis nur zum Zwecke der Ausbildung (wie bei Frau D.) oder mit Befristung (wie bei Herrn und Frau D.) erhalten. Ein Antrag auf Wohngeld ist ebenso nicht möglich: Ausländer eines nicht EU-Staates müssen einen gültigen Aufenthaltstitel vorlegen, aus dem sich der Aufenthaltsstatus sowie die Dauer des Aufenthalts in der Bundesrepublik Deutschland ergeben (Quelle: http://www.wohngeld.org/auslaender.html). Die allgemeine Erteilungsvoraussetzung für einen gültigen Aufenthaltstitel gemäß § 5 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz ist, dass der berechtigte Ausländer seinen Lebensunterhalt ohne Inanspruchnahme von öffentlichen Mitteln (Sozialleistungen) bestreitet – was bei einem Wohngeldbezug nicht mehr gegeben ist.

Als Mitarbeiterin in einem Stuttgarter Kinder- und Familienzentrum sind mir viele Familien mit finanziellen Problemen bekannt – und dabei handelt es sich nicht nur um Familien mit Migrationshintergrund! Häufig sind zwei Einkommen nötig, um hohe städtische Mieten und Nebenkosten zu bestreiten. Mit nur einem Einkommen steht somit noch weniger für den Lebensunterhalt zur Verfügung. Eine gezielte Unterstützung ist in vielen Fällen notwendig, sei es bei der Aufklärung über die verschiedenen Anträge, um Hilfeleistungen zu erhalten, oder einer Ausfüllhilfe und dem Erklären von Bescheiden. Oftmals wurden Anträge schon einmal abgewiesen oder aber die Familien haben nicht alles verstanden, was ihnen auf der Behörde mitgeteilt wurde.

Als Bittsteller zu gelten, ist unangenehm und manche Äußerungen und Kommentare beim Fragen nach finanzieller Unterstützung sind demütigend. So ein jüngstes Bespiel: Ein Familienvater, der vor 25 Jahren ein Jahr in Deutschland studiert hat und die deutsche Sprache gut beherrscht, ist vor sieben Monaten mit seiner Familie aus Afghanistan geflüchtet. Das eigene Haus und Grundstück haben sie, bis auf die Grundmauern zerstört, zurückgelassen. Er ist dankbar, dass er mit seiner Familie in Stuttgart in Frieden leben kann und nimmt auch in Kauf, dass seine Berufsausbildung als Ingenieur in Deutschland nicht anerkannt wird. Herr Z. hat beim Jobcenter entsprechende Anträge gestellt. Dabei wurde ihm mitgeteilt, dass bestimmte Leistungen ein Darlehen sind, da er in Afghanistan ein Haus besitzt. Was er unterschrieben hat, wurde ihm erst zuhause bewusst, als er nochmals nachgesehen hat was „Darlehen“ bedeutet. Mit Tränen in den Augen schildert Herr Z. von der Zerstörung, dem Krieg und dem Terror der Taliban. Er kann sich nicht vorstellen, wieder nach Afghanistan zurückzukehren. Und er versteht nicht, weshalb ein völlig zerstörtes Haus in einem Kriegsgebiet als Vermögen gilt. Arbeit, berichtet Herr Z. stolz, hat er inzwischen gefunden und er unterstützt seine Familie beim Deutschlernen, damit seine Kinder möglichst schnell in der Schule vorankommen. Er will, dass seine Kinder in Sicherheit und ohne Angst aufwachsen können und eine Zukunft in Deutschland haben. Und: Herr Z. engagiert sich ehrenamtlich als Dolmetscher für Flüchtlinge aus Afghanistan.

Michaela Haassengier arbeitet als Sozialpädagogin im Kinder- und Familienzentrum Wilde Hilde. Sie ist Mutter von 2 Kindern.
(Besucht: 423 Male davon 1 heute)
Zuletzt geändert am: 3. August 2015