Familien in Stuttgart

Juliana wurde gerade 14 Jahre alt, überlegt, was sie nach der Schule machen soll. Sie versteht sich gut mit ihren Klassenkameradinnen und lädt die ganze Klasse zum Geburtstag ein. Sie hat einen jüngeren Bruder, mit dem sie sich im Großen und Ganzen sehr gut versteht. Seit ein paar Jahren meistert sie eine neue Herausforderung, denn bei ihr wurde Zöliakie diagnostiziert, so dass sie ihre Ernährung komplett umstellen musste. Und als großer Fan des VfB leidet sie derzeit mit ihrem Lieblingsverein, der gegen den Abstieg spielt.
So könnte man weiter erzählen von der Tochter von Conny Wenk und so unaufgeregt erzählt auch die freischaffende Fotografin von ihrer Familie. Dass ihr Tochter Down-Syndrom hat, ist eher ein Nebenthema.

Und doch hat die Besonderheit ihrer Tochter ihr Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Conny Wenk wollte eigentlich nur „ein paar Monate“ von ihrem Job als Personalleiterin pausieren, hat ihn aber am Ende doch aufgegeben. Und sie ist zunächst eingetaucht in eine für sie völlig fremde Welt. Sie wusste absolut nicht, was Down-Syndrom bedeutet. Genauso wie ihr Umfeld, das mit der Diagnose völlig überfordert war. „Vorsichtshalber“ hat lieber gar niemand zur Geburt gratuliert und die junge Familie war allein mit ihren Gefühlen zwischen Glück über die gelungene Geburt und Unsicherheit, was da noch auf sie zukommen soll.

Eine kleine Mail hat die Situation komplett geändert. Der Vater der Kleinen Juliana schrieb eine Mail im Namen der Tochter, in der sie sich mit ihrer Besonderheit „vorstellte“ – als lebenslustige und eigenwillige Person, die sie werden sollte. Diese Mail hat das Eis gebrochen. Ab dem Moment fassten sich viele ein Herz und gingen auf die frischgebackenen Eltern zu und lernten mit der Situation umzugehen.

Ein weiterer wichtiger Schritt war der Besuch eine Gruppe von anderen Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom. Dort konnte die junge Mutter ihre Unsicherheiten schildern und bekam Antworten auf ihre Fragen. Und vor allem: Sie war erleichtert, dass sie da in eine lebenslustige Gruppe geraten ist, die so überhaupt nicht schwer beladen wirkte, sondern in der ihr gleich ein Glas Sekt in die Hand gedrückt wurde, weil sich gerade wieder ein Anlass zum Feiern gefunden hatte.

Ab da ging es aufwärts, wenn auch nicht geradlinig. Da sie immer schon gerne fotografierte, hatte sie ihren Fotoapparat auch bei den Treffen der Familien dabei. Sie portraitierte die anderen Mütter mit ihren besonderen Kindern. Und so langsam entstand die Idee, aus den Portraits ein Buch zu machen. Es sollte so heißen wie die beschriebenen Kinder sind: Außergewöhnlich. Dieses und das zweite Buch mit Vätern wurden zu Verkaufsschlagern und sind bundesweit ein Mut-Macher für Familien mit Down-Syndrom-Kindern und eröffnen vielen anderen einen neuen Blick auf die Welt.
Mit einem nächsten Projekt kam dann gleich der Beruf zu Conny Wenk. Der inzwischen gegründete Verein 46PLUS in Stuttgart plante einen Promi-Kalender. Dort sollten jeweils eine prominente Person und ein Kind mit Down-Syndrom eine Geschichte in einem Foto erzählen. Und da sich die Gruppe nicht so sicher war, ob der ausgewählte Fotograf der Richtige sei, wurde kurzerhand beschlossen, dass das doch eigentlich die Conny machen könne.

Und so beschloss sie, „das fotografieren zu lernen“. Und da der erste Termin mit Walter Sittler (!) bereits vereinbart war, hatte sie dazu nur eine Woche Zeit! Da aber sowohl das Foto von Walter Sittler als auch die anderen Fotos eine überzeugende Sprache sprechen, wurden die Anfragen an Fotoarbeiten immer mehr. Und nach einiger Zeit begann Conny Wenk, für Ihre Tätigkeiten auch Rechnungen zu schreiben. Und heute ist sie eine gefragte Fotografin und bildet das ganze Leben ab – hauptsächlich Familien mit Kindern mit und ohne Down-Syndrom – und natürlich auch weiterhin für verschiedene Aktionen für Menschen mit Down-Syndrom.

Dadurch hat die Familie Wenk jetzt zwei berufstätige Eltern und zwei Schulkinder und lebt ein bewegtes aber meist auch normales Leben. Die Kinder haben ihre Erfolge und ihre Schwierigkeiten in der Schule. Das Schöne: In beiden Klassen ist es normal, verschieden zu sein. „Regelkinder“ sind in einer Klasse mit Kindern mit Down-Syndrom oder anderen ungewöhnlichen Konstellationen. Und es ist schön zu sehen, dass sich Freundschaften unabhängig davon bilden, was jemand kann oder nicht kann.
Dass dies in möglichst vielen Lebensbereichen so sein kann, ist weiterhin die Mission der ganzen Familie Wenk. Begegnungen ermöglichen, Vor-Urteile abbauen und Bilder im Kopf hinterfragen oder neue Bilder „einpflanzen“. Und Conny Wenk wird das weiterhin tun mit ihren Fotos. Das nächste Projekt: Ein Buch mit Geschwistern von gewöhnlichen, ungewöhnlichen und außergewöhnlichen Kindern. Wir dürfen gespannt sein!

Verein 46PLUS aus Stuttgart (Familien mit Down-Syndrom-Kindern): http://www.46plus.de/blog/
Blog Conny Wenk: http://connywenk.com/blog/
Buchprojekte Conny Wenk: http://www.neufeld-verlag.de/de/aussergewoehnlich.html

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Zuletzt geändert am: 15. Dezember 2015